Eine Geschichte

Ich möchte euch eine Geschichte erzählen:

Sie ist eine Schönheit! Eine braunschwarze, flauschige Katze, in deren Gesicht die strahlend weißen Tasthaare hervorstechen. Sie geht ein und aus in dem Café, manchmal schlüpft sie nur von der Straße hinein und stiehlt sich zur Hintertüre wieder hinaus, ein anderes Mal lässt sie sich auf den Schoß eines Gastes heben und genießt die Wärme und die Streicheleinheiten, die sie zuhause nicht bekommt. Denn ihre Dosenöffner haben sich so einen Kläffer angeschafft und seitdem darf sie zwar noch ins Haus – aber wer lebt schon freiwillig in solcher Gesellschaft? Es zieht sie nach draußen.

Vier Engel sitzen bei Snoopy und zusammen beobachten sie das Treiben auf der Erde. Sie sehen nicht so aus, wie man sich Engel vorstellt; keiner von ihnen hat ein rein weißes Gewand, eine lichte Gestalt oder wohlgeformte Flügeln: der eine ist hell und dunkel, in seinen Flügeln liegt eine weiße neben einer schwarzen Feder, er trägt weiße Stiefelchen mit hohem Schaft und schwarzer Sohle, in seinem Gesicht wetteifern helle und dunkle Anteile und sein Bart drückt Weisheit aus. Der zweite ist der hellste der vier, seine Flügel haben mehr weiße Federn aber immer noch ein paar dunkle, er ist eher zurückhaltend und freundlich, hat ein sehr lichtes Gesicht, eine sanfte Stimme und ebensolches Gemüt. Der dritte Engel ist eine Engelin, sie hat sehr weiches Haar in hell und dunkel. Sie ist die Unternehmungslustigste der vier, sehr lebhaft und für jedes Abenteuer zu haben, wenn sie nicht sogar die anderen anstiftet. Die vierte Gestalt ist dunkel, seine Flügel haben eine schwarze Feder neben einer schokoladenbraunen, er hat langes, weiches Haar und einen schwarzen Bart; aus seinen Ohren wächst weißer Flaum. – Snoopy erzählt ihnen von dem Leben bei den Dosenöffnern und fragt die vier, ob sie nicht Lust auf ein Experiment haben. Dabei gibt es nichts zu verlieren, es gibt nur Gewinner! – Zuerst wollen die vier Engel nicht – wer will schon einen Dosenöffner als Laborratte, als Versuchskaninchen benutzen – aber sie erkennen auch klar die Vorteile. Und so beschließen sie ihr Vorhaben.

Zweiundsechzig Tage später bringt diese sehr junge, braunschwarze Katze vier Kätzchen in dem Schuppen, der auch die Kinderstube der Kleinen sein wird, zur Welt. Zwei davon sind plüschig und zwei glatthaarig, einer ist schwarz und drei schwarzweiß. Sie erblicken das Licht der Welt – nun, erst mal erblicken sie nichts, weil ihre blauen Augen sich erst nach 10 Tagen öffnen werden. Ebenso hören sie erst einmal nichts, da eine Hautfalte über ihren Ohren liegt. Sie müssen sich ganz auf den Geruchs- und Tastsinn verlassen. Ihre Mutter verlässt sie nur sehr selten in jenen ersten 2 Wochen, sie weiß, wie nötig die Kleinen ihrer Anleitung bedürfen. – Fernab von jedem Kontakt mit Menschen, aber mit deren Geräuschen vertraut sind die vier, wild geboren und wild begehren sie der Mutter Milch, so dass diese nach 2 Monaten erschöpft, aber immer noch verantwortungsbewusst ihre kleine Familie mit Nährstoffen versorgt.

Nachdem die Dosenöffner des Cafés herausfinden, dass demnächst noch mehr Katzen die Arbeit an ihrem Arbeitsplatz beeinträchtigen könnten, suchen sie für die 4 Kleinen und ihre Mutter ein neues Zuhause. Bald findet sich eine Pflegefamilie auf dem Lande für die vier Jungen und eine andere für die Mutter. – Es ist nicht einfach, die 4 Wilden einzufangen, erst gelingt es nur mit zweien, den beiden plüschigen, die (x*) im neuen Zuhause eintreffen. Drei Tage später folgen die beiden kurzhaarigen. Verständlicherweise sind sie alle erst einmal ordentlich eingeschüchtert, aggressiv, verängstigt und gewöhnen sich nur langsam an die klobigen Hände, die sie streicheln und beruhigen wollen, die ungeschickten zwei Beine, die es nicht schaffen, ihnen auszuweichen, die lauten Stimmen, die fehlende Muttermilch, die entzogene Freiheit. Aber wenigstens haben sie einander und sie spenden sich Trost und Wärme so gut es geht. Was fehlt ist die Nähe zur Mutter, ihre Zuneigung, ihre reinigende Zunge,… aber auch dafür finden sie einen hinlänglichen Ersatz indem sie sich gegenseitig putzen.

Die beiden glatten, nennen wir sie mal Christy und Dachsi, entwinden sich schon in der ersten Nacht dem Käfig, in dem sie zu viert hocken, werden aber recht bald aus den Regalen der Bibliothek gepflückt. Das bringt nichts! Am nächsten Tag wird das Gitter abgebaut und alle vier dürfen frei in diesem Zimmer ihr Unwesen treiben. – Sie sind ja noch so klein, aber bald ist das eine Zimmer zu beengt und die Dosenöffner öffnen nicht nur Dosen sondern eine Türe zum Paradies – eine zweites Zimmer, der orangene Salon. Es wird auch ein zweites bitter benötigtes Klo angeschafft, das schnell genug benutzt wird und gereinigt werden muss.

Es kommt der Tag, es naht die Stunde des Abschieds von Muriel, der schwarzweißen flauschigen und dem lichten Christy. Sie alle hatten schon so etwas geahnt, wieso sonst gibt es am Vorabend Katzenmilch für alle?

Gerne sind sie nicht gegangen, schweren Herzens ließen die Dosenöffner und ihre beiden Brüder Dachsi und Homer sie ziehen. Diese fragen sich: wann sind wir dran? Und was passiert dann mit uns? Diese Angst macht es ihnen schwer, gelassen zu sein und das zu genießen, was sie haben: ein Heim, wo sie einen trockenen, warmen, sicheren Schlafplatz haben, regelmäßige Mahlzeiten, die sie wachsen und gedeihen lassen, Zeit zum Spielen, zur Fellpflege, zum Schnurren und Kämpfen und Zeit, mit den Dosenöffnern zu schmusen und gestreichelt zu werden. Fremde Stimmen kommen und gehen ebenso wie ungewohnte Schritte und sie werden sich jeden Tag etwas sicherer: wir dürfen bleiben! Dürfen wir bleiben?

Das große Zimmer wird für sie aufgeschlossen. Ihre Freude ist groß, denn nun rennen der schokoladenschwarze Homer und Dachsi, der nicht umsonst seinen gestreiften Namen bekommen hat, von der Küche durch das Wohnzimmer in die Bibliothek und in den angrenzenden orangenen Salon und wieder zurück, hin und zurück, hin und zurück, sie rasen, hüpfen die Stufen im eiligen Galopp hinauf und herunter, „övver Tisch än Stöll än Bänk!“, es wird gerangst, gekratzt und gebissen, aber nur die Beine und Hände der Dosenöffner zeigen blutige Markierungen des wilden Spiels. – Die nächste Türe, die den beiden erschlossen wird, ist die zur Bettkammer. Hier dürfen sie dann auch des Nachts bleiben, nahe an IHREM Ohr schnurren, auf der weichen Decke IHRE Wärme fühlen… – Der Flur öffnet als nächstes seine Türe, er führt zu den Vorräten, die aber leider alle in Dosen und Tüten und Flaschen verschlossen sind, der Toilette der Dosenöffner und auch zu den Schnürsenkeln, in die man so wunderbar seine Zähne und Krallen schlagen kann. – Nur nach draußen, hinaus in das Licht, da kommen sie nicht. NOCH NICHT! Aber auch diese Stunde ist nicht mehr ferne, vielleicht wird der nächste schöne Tag die beiden starken, rasch wachsenden jugendlichen Katzenkinder sehen, die bestimmt mit Begeisterung diese neue Freiheit begrüßen werden – und Andenken von ihren Erkundigungsausflügen mitbringen?! Wer weiß, lassen wir uns überraschen.

x* am Freitag, dem 25. August 2017

Genau, lassen wir uns überraschen… Ich hoffe, meine Geschichte hat euch gefallen. Es ist eine Geschichte, die das Leben schrieb; somit habe ich vom Leben abgeschrieben. Aber anders als in den Schulen der Dosenöffner wird es hier nicht bestraft. Ein schönes Wochenende wünsche ich euch, Euer Snoopy Greenwood

Advertisements

2 Kommentare

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s